Landeskirchliches Archiv

Kassel

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Essen und Trinken – 12. Tag der Archive im März 2024

Der bundesweite Tag der Archive, initiiert vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), findet in diesem Jahr unter dem Motto „Essen und Trinken“ statt.

Zu jedem zünftigen Richtfest gehört bodenständiges Essen und Trinken. Auf der Baustelle kommen Bauherren, Architekten, Handwerker (Zimmerleute) und Nachbarn zum gemeinsamen Essen zusammen. Der Brauch existiert seit dem 14. Jahrhundert.

Essen und Trinken beim Richtfest des Landeskirchlichen Archivs im Juni 1996 (Landeskirchliches Archiv Kassel, Fotosammlung, © Heinz Ebrecht).

Das Abendmahl ist in der evangelischen Kirche ein wesentliches Element des Glaubens und des Gottesdienstes.

Anfang des 17. Jahrhunderts wollte Landgraf Moritz von Hessen-Kassel die schon länger reformiert geprägte niederhessische Bevölkerung mit den Lutheranern in Oberhessen zu einem gemeinsamen Bekenntnis vereinen (Zweite Reformation). Zu diesem Zweck reformierte er auch die Feier des Abendmahls, die Kommunion: das gesegnete Brot sollte nun „gebrochen werden“.

Lutheraner hatten die Abendmahlsgaben bisher nicht berührt, um so ihre Ehrfurcht vor einem leiblich gegenwärtigen Christus zu zeigen. Jetzt hörten sie, dass er als Mensch nur geistlich anwesend sei. Deshalb sollten sie den Kelch selbst in die Hand nehmen und bekamen ein Stück normales Brot statt der gewohnten Hostie.

Als das reformierte Bekenntnis in Hessen-Kassel ab 1605 eingeführt wurde, boykottierten viele Lutheraner das Abendmahl in dieser Form:

„1 alb[us] vor brodt der Communicanten, Sindt aber nit erschienen“.
Kastenrechnung Bischhausen 1607 (Landeskirchliches Archiv Kassel, E 1 Depositum Pfarrarchiv Witzenhausen Nr. 17, CC BY 4.0 DEED).

In den Städten Marburg, Eschwege, Schmalkalden und Hersfeld, in denen sich Bürger weigerten, das Abendmahl zu besuchen, ließ der Landgraf 1608 und 1609 Verhöre durchführen, bei denen die Delinquenten bei Strafandrohung zur Annahme seiner „Verbesserungspunkte“ bewegt werden sollten. Einige Gemeinden verlangten die Rückkehr zum gewohnten Ritus.

Im 20. Jahrhundert schlossen sich an zahlreichen Orten Lutheraner und Reformierte zu jeweils einer Kirchengemeinde zusammen.

Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs in der Schlosskirche in Ziegenhain – „Pfarrhelferin, Vikarin, Pfarrerin. Theologinnen in Kurhessen-Waldeck“

Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Kassel in der Schlosskirche in Ziegenhain im September 2023 (Aufbau und Platzierung Thomas Gothe und Peter Heidtmann-Unglaube, Foto: Thomas Gothe).

So lautet der Titel einer Ausstellung in der Schlosskirche in Ziegenhain. Am 5. September 2023 wird sie mit einem Vortrag von Pröpstin Katrin Wienold-Hocke eröffnet. Herzlich lädt der Verein zur Förderung der Konfirmationsstadt dazu ein. Die Fertigstellung der 2. Figur der Bronzeskulptur vor der Kirche ist der Anlass. Bisher steht lebensgroß und in Bronze gegossen nur Landgraf Philipp der Großmütige dort. In der Hand hält er die Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung von 1539 und erinnert damit an die Einführung der Konfirmation in Ziegenhain. Die 2. Figur wird am 3. Advent neben ihm feierlich enthüllt werden. Sie stellt eine Pfarrerin dar, die einen Konfirmanden segnet. Heute etwas völlig Selbstverständliches. Im Mittelalter undenkbar. Eine Brücke zur heutigen Zeit soll mit dieser Figur geschlagen werden; denn mittlerweile sind Pfarrerinnen in den Gemeinden fest verankert. Wer hätte gedacht, dass die Geschichte der ordinierten Pfarrerinnen auch in der evangelischen Kirche noch so jung ist! Zum Pfarramt waren die Theologinnen nicht zugelassen. Das hat sich erst mit dem Jahr 1961 geändert. 2012 haben wir in einem großen Gottesdienst und einem bewegenden Festakt 50 Jahre Frauenordination in unserer Landeskirche gefeiert. Begleitend dazu ist die sehenswerte Ausstellung entstanden. Sie skizziert anhand von Fotos, Biogrammen und Erinnerungen früherer Pfarrerinnen die schwierigen Bedingungen, unter denen Frauen anfangs ihren Dienst ausüben mussten. Lange Zeit durften sie lediglich als Pfarrhelferinnen Unterstützungsdienste leisten. Bei einer Verheiratung schieden sie aus. Im 2. Weltkrieg waren viele Kirchengemeinden verwaist, die Pfarrer an der Front. Die Frauen sprangen als Vikarinnen ein. Später regelte ein Kirchengesetz, dass sie vornehmlich gegenüber Frauen und Kindern eingesetzt werden sollten (Jugendstunden und Krankenhausseelsorge). Das änderte sich nach anhaltenden Protesten einiger engagierter Theologinnen.  Am 8. Dezember 1961 beschloss die Landessynode in Hephata nach leidenschaftlichen Diskussionen die Ordination von Frauen. Ab da konnten sie endlich ein Gemeindepfarramt übernehmen. Von Gleichstellung war aber noch lange keine Rede. Ein Aufstieg war den Pfarrerinnen grundsätzlich versagt mit der Begründung, sie hätten „in der Regel keinen Mann und keine Abkömmlinge zu unterhalten“. Männliche und gesamtgesellschaftliche Vorbehalte gegenüber „Fräulein Pfarrerin“ waren damals an der Tagesordnung. Ein Dekan schrieb: „Ich rege an, von Frau K. eine Liste ihrer Erkrankungszeiten zu erstellen und ihre Autounfälle mit Reparaturkosten angeben zu lassen…“. Ein anderer meinte, dass man die Pfarrerin in ländlichen Kreisen wegen ihres „mac up“ und jeglichen Fehlens eines Verständnisses für ländliche Verhältnisse ablehne. Einer Pfarrerin wurde vorgeworfen, sie sei nicht ordentlich frisiert, trage zu lange Kleider und rauche Zigaretten. Das veranlasste ein weibliches Gemeindeglied zu fragen: „Würde man einem männlichen Pfarrer gegenüber genauso vorgehen: er rauche Zigaretten, trage unmoderne Anzüge und ungepflegte Haare?“

Wie gut, dass die Zeiten sich geändert haben! 1986 wurde die erste Dekanin in ihr Amt eingeführt. 1990 die erste Pröpstin und 2003 die erste Prälatin. In allen drei Fällen war es die Pfarrerin Roswitha Alterhoff. Lassen Sie sich entführen in eine amüsante, interessante und bewegende Dokumentation, die vom Landeskirchlichen Archiv in Kassel unter der Leitung von Bettina Wischhöfer 2012 gestaltet wurde.

Die Ausstellung wird im Monat September durchgängig zu sehen sein. Die Schlosskirche ist geöffnet (Paradeplatz 3, 34613 Schwalmstadt).

Marita Natt