Landeskirchliches Archiv

Kassel

mehr als 200.000 Dokumente und 1,3 Mio. Digitalisate, 800 n.Chr. - 21. Jahrhundert

Migration und Mortalität in der Frühen Neuzeit – von Kastenrechnungen und Kirchenbüchern – Eine virtuelle Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Kassel in der DDB

Kastenrechnungen und Kirchenbücher sind vielfältig und ergiebig nutzbare Überlieferungen kirchlicher Archive und sie bieten spannende, oft überraschende Erkenntnisse. Als serielle Quellen sind sie sozial- und kulturgeschichtlich hochrangig.
Kirchenbücher dokumentieren die Amtshandlungen des Pfarrers in einer Gemeinde. Es sind „darin verzeichnet: Die Eheleut Getauffte Verstorbene Communicanten“. Falls davon Menschen betroffen waren, die nicht aus dem jeweiligen Ort kamen, wurde meist die Herkunft vermerkt. Die Praxis der Kirchenbuchführung setzte im deutschsprachigen Raum mit der Reformation ein. Kirchenordnungen regelten die Kirchenbuchführung seit 1526. Die Eintragungen wurden unabhängig von Stand, Geschlecht und Vermögen gemacht. Daher enthalten Kirchenbücher oft die einzigen Aufzeichnungen von Personen.
Über die jährlichen Einnahmen und Ausgaben des Gotteskastens, der kirchlichen Gemeindekasse, musste genau Buch geführt werden. In einer hessischen Kastenordnung von 1530 hieß es dazu: „Item man sall an einem itzlichen ort ein kasten haben, der in der kirchen stehe und woll verwart sei mit beschlage und schlossen.“ Eine eigene Rubrik betraf die Almosen, die an einheimische und durchreisende Arme verteilt wurden: „Item aus demselben kasten sall man versorgen … alle arme, kranke und gebrechliche leut, so an einem itzlichen ort sein.“
Kirchenbücher geben nicht nur Auskunft über Migrationsbewegungen. Sie erlauben auch Aussagen zur Mortalität. Der König von Preußen etwa erließ in einer Kirchenbuchordnung von 1764 ein Schema, nach dem die Gestorbenen nach Krankheiten zu erfassen waren. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich bei vielen Landesherren ein kameralistisches Denksystem durchgesetzt. Die Einführung von Mortalitätsstatistiken stand in Zusammenhang mit dieser auf Plus und Minus fixierten Betrachtungs- und Handlungsweise, die auf die Wohlfahrt der Bevölkerung abzielte.
Die Kirchenbücher der Landeskirchen werden seit Beginn des 21. Jahrhunderts digitalisiert. Nach fünfjährigem Betrieb stehen auf dem Kirchenbuchportal Archion inzwischen über 100.000 Kirchenbücher, das sind 33 Mio. Kirchenbuchseiten, online für Wissenschaft und Genealogie bereit.
Gut zehn Prozent davon sind Kirchenbücher der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Das Landeskirchliche Archiv Kassel hat die Digitalisierung von rund 4 Mio. Kirchenbuchseiten aus seinem Sprengel über die letzten Jahre federführend begleitet, sie warten wie die übrigen Digitalisate im Portal auf neugierige Kunden, innovative Fragestellungen und spannende Interpretationen der Historie.

Ein deutsch- und ein englischsprachiger Videoclip machen auf das Portal aufmerksam.

Hier geht es zur Ausstellung: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/kirchenbuecher/

Kurhessische Kirchenbücher in Archion.de online

Kassel (epd). Die rund 10.000 Kirchenbücher der Gemeinden der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) sind in wenigen Wochen komplett online einsehbar. Dann könnten Ahnenforscher und andere Interessenten bequem von zu Hause aus in dem deutschlandweiten Kirchenbuchportal „Archion“ rund 3,6 Millionen digitalisierte Seiten durchstöbern, sagte Bettina Wischhöfer, Leiterin des landeskirchlichen Archives, am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der insgesamt zehn Jahre dauernde Digitalisierungsprozess habe rund 250.000 Euro gekostet. Die digitale Sammlung der Kirchenbücher der EKKW ist so gut wie vollständig. Bis auf wenige Ausnahmen hätten alle Gemeinden ihre Bücher für die Digitalisierung zur Verfügung gestellt, erklärte Wischhöfer. Das älteste Buch, das die Jahre 1559 bis 1703 umfasst, ist das „Fambacher Kirchenbuch“. Es zeichnet sich dadurch aus, dass sich in ihm auch Berichte über Seuchen, Krankheiten und das Wetter der damaligen Zeit finden. Allerdings können aus Gründen des Datenschutzes nicht die neuesten Personendaten abgefragt werden, dies ist laut Wischhöfer erst 30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen möglich. In dem Internetportal kann auch nicht nach einzelnen Namen recherchiert werden, da die Bücher nur eingescannt sind und eine Namensuche somit nicht wie etwa bei einer Suchmaschine funktioniert. EKD-weit gehört die EKKW neben den Landeskirchen der Pfalz, Westfalens und Lippe zu denen, die die Digitalisierung ihrer Kirchenbücher nun abgeschlossen haben. Die anderen Landeskirchen seien hier unterschiedlich weit, erklärte Wischhöfer. Ging man zu Beginn der Aktion EKD-weit noch von rund 200.000 Kirchenbüchern aus, so wurde die Zahl mittlerweile auf 300.000 nach oben korrigiert. Insgesamt sind auf dem Portal bereits jetzt 33 Millionen digitalisierte Kirchenbuchseiten zu finden, die 280 Terabyte Speicherplatz belegen. Kostenlos ist der Service des Portals übrigens nicht, es gibt verschiedene Preismodelle. Im Gegenzug fallen für die Interessenten aber auch keine Fahrtkosten mehr an, die bei Besuchen in landeskirchlichen Archiven oft fällig werden, betonte Wischhöfer. Im Lesesaal des landeskirchlichen Archives sei es jedenfalls schon spürbar ruhiger geworden. Mit derzeit über 5.000 Nutzern pro Monat nehme Archion genug ein, um einen Kredit zurückzuzahlen, der für die aufwendige Einrichtung nötig war.

„Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld“ Eine virtuelle Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Kassel in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Unsere Ausstellung bespielt die universale Konstellation des Sendens und Empfangens exemplarisch in ganz unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Ebenen. Zu bieten haben wir u.a. neben der Überlieferung der theologischen Komponente beim Abendmahl und diversen Verwaltungsszenarien auch den persönlichen Austausch von Informationen (Grundschüler im Archiv), die Papiervarianten per Post (Briefmarke) und Schreibmaschine sowie Online-Versionen (Kommunikation via Archion.de oder Archivportal-d.de). Über fünf Jahrhunderte werfen wir ein paar Schlaglichter auf dieses Universalthema – Kommunikation ist und bleibt „ein weites Feld“ (Theodor Fontane, Effi Briest).

Zur Ausstellung:

https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/communicanten/ 

https://anh.hypotheses.org/850

https://www.augias.net/ (27.04.2020)

Landeskirchliches Archiv Kassel G 2.9 Nr. 17, Schreibmaschine Leihgabe Peter Heidtmann-Unglaube (Foto Wischhöfer)

Landeskirchliches Archiv zum Tag der Archive 2020 in der Markthalle

Zum bundesweit 10. Tag der Archive präsentierte sich das Landeskirchliche Archiv Kassel zusammen mit den Archiven in Nordhessen am Samstag, den 7. März 2020, an einem gemeinsamen Stand in der Markthalle Kassel. Thomas Gothe und Peter Heidtmann-Unglaube standen als Experten zum Entziffern alter Handschriften bereit und hatten neben Informationen über das Archiv der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck auch Flyer und Give-Aways des Kirchenbuchportals Archion.de im Gepäck.

12.000 Kirchenbücher aus Kurhessen-Waldeck online

Die wichtigste und begehrteste Quelle für die Familienforschung sind die Kirchenbücher. In Kurhessen-Waldeck sind es rund 12.000 Bücher der Kirchengemeinden. Seit 2020 stehen sie im Kirchenbuchportal Archion jederzeit online bereit. Mit der Reformation im deutschsprachigen Raum setzte die Praxis der Kirchenbuchführung ein. In den evangelisch werdenden Landesherrschaften sind Kirchenbücher Verzeichnisse über Taufen, Trauungen, Beerdigungen, aber auch über Konfirmationen und Communicanten, die von Pfarrern meist in chronologischer Reihenfolge geführt wurden. Das älteste Kirchenbuch in unserem Sprengel setzt 1559 in Fambach ein. Kirchenbücher stellen oft die einzigen Aufzeichnungen von Personen dar, da die Eintragungen unabhängig von Stand, Geschlecht und Vermögen gemacht wurden. Sie geben nicht selten Auskunft über Migrationsbewegungen von Glaubens-, Kriegs-, Wirtschafts- und Arbeitsmigranten oder erlauben Aussagen zur Mortalität. Daher sind sie auch sozial- und kulturgeschichtlich hochrangige serielle Quellen.

„16. Mart[ius] ist Jacob, Conrad Schweppeas Seilers_ _Söhnl[ein] getauft worden, d[er] Patte war Jacob Hochhuth.“ Quelle: Landeskirchliches Archiv Kassel, Digitalisate Kirchenkreis Witzenhausen, Kirchenbuch Witzenhausen 1715 bis 1746, Seite 491.

Johann Jakob Schweppe, am 16. März 1740 in Witzenhausen getauft, ließ sich als Goldschmied 1766 in Genf nieder und arbeitete als Bijoutiermeister. Ab 1780 entwickelte er ein Verfahren, bei dem sich Wasser mit Kohlensäure versetzen lässt. Diesen Vorgang ließ Schweppe 1783 patentieren. Er gründete 1790 in Genf mit zwei Partnern eine Fabrik zur Herstellung von Sodawasser, 1792 dann eine Niederlassung in London. Schweppe verkaufte 1802 einen Großteil seines Anteils an englische Industrielle und kehrte nach Genf zurück. Ab 1897 nannte sich das Unternehmen Schweppes.

Die Zukunft findet im Netz statt: Mit Beginn eines Piloten im Herbst 2014 in Kassel und dem Start von Archion.de (Kirchenbücher aller evangelischen Landeskirchen online) im März 2015 wiederum in Kassel werden regelmäßig Kirchenbücher aus Kurhessen-Waldeck online gestellt. Anfang 2020 stehen 1,8 Millionen Doppelseiten bereit und werden auch genutzt. Eine Auswertung der Kirchenbuchportal GmbH zeigte für das Jahr 2018 statistisch eine dreifache Nutzung jeder Seite an. Eine solche Quote hatte der Lesesaal vor Ort nie aufzuweisen. Das Internetportal für Kirchenbücher ist nicht vom Himmel gefallen. Das Landeskirchliche Archiv Kassel war zu jedem Zeitpunkt in die Aktivitäten involviert. Im September 2006 fand eine Fachtagung „Kirchenbuchnutzung in Zeiten von Digitalisierung und Internet“ bei der EKD in Hannover statt, organisiert vom Verband kirchlicher Archive in der Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in der evangelischen Kirche (AABevK). 2009 gab es eine erste Anschubfinanzierung durch die EKD, 2011 stimmte der Finanzbeirat der EKD einer zweiten Anschubfinanzierung zu. Ab 2012 wurde mit Fraunhofer IAO ein Gesamtkonzept erarbeitet. Der Finanzbeirat der EKD gewährte 2012 ein Darlehen. Die Kirchenbuchportal GmbH wurde 2013 gegründet werden. Seit März 2015 ist Archion.de auf dem Markt. Es ermöglicht Familienforschern die Suche nach ihren Vorfahren in Originalquellen, weltweit – ortsunabhängig – zeitlich flexibel – bequem von zuhause aus. In diesem Zusammenhang sind zwei Trickfilme entstanden, ein englisch- und ein deutschsprachiger Clip. Sie sind 2017 in Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel entwickelt worden (Youtube Kanal, AABevK). Wenn es denn stimmt, dass Archive nicht nur unverzichtbar, authentisch, spannend und einzigartig sind, sondern auch wie Fallschirme – nämlich „nur nützlich, wenn sie sich öffnen“, dann ist das Landeskirchliche Archiv Kassel „in Sachen Familienforschung“ in der richtigen Richtung unterwegs.

Bettina Wischhöfer